Es gibt diesen Moment, den viele Katzenhalterinnen kennen.
Du schaust deine Katze an, nach dem fünften gut gemeinten Ratschlag von außen, und denkst: 
Nein. Die ist nicht falsch. Und ich bin es auch nicht.

 

Nicht mehr nur Bauchgefühl

Bis vor Kurzem war das eher Bauchgefühl. Oder Erfahrung. Oder diese leise, sehr unbequeme Gewissheit, die man entwickelt, wenn man genau hinschaut und sich mit einfachen Erklärungen nicht abspeisen lässt. Und dann kam 2025 eine Studie daher, räusperte sich kurz – und lieferte etwas, das wir 2026 nicht mehr guten Gewissens ignorieren können.

Erstmals konnte gezeigt werden, dass es bei Hauskatzen einen genetischen Zusammenhang zwischen bestimmten Verhaltensmerkmalen und Varianten des Androgenrezeptor-Gens (AR) gibt. Kein großes Feuerwerk, kein „Jetzt erklären wir endlich alles“, sondern eine dieser Arbeiten, die gerade deshalb wirken, weil sie nicht überziehen.

Es geht um Tendenzen. Um Wahrscheinlichkeiten. Darum, dass bestimmte Varianten dieses Gens mit mäßig sozialen Neigungen, aber auch mit stärkerer Bindungs- und Interaktionsbereitschaft gegenüber Menschen assoziiert sein können. Nicht müssen. Können. Wer bei solchen Formulierungen reflexhaft „Aha, wieder so ein Vielleicht“ denkt: vollkommen legitim. Genau da liegt nämlich der Wert.

Denn diese Studie behauptet nicht, Katzen ließen sich genetisch festnageln. Sie sagt nicht: dieses Gen, dieses Verhalten, Ende der Diskussion. Sie sagt etwas viel Unbequemeres – und deutlich Realistischeres:
Nicht alle Katzen starten mit derselben inneren Grundverdrahtung.

 

Verhaltensunterschiede dank Genetik

Bis vor wenigen Jahren wurde Katzenverhalten fast ausschließlich über Umwelt erklärt. Sozialisierung, Haltung, Erfahrung, Mensch. Alles relevant, alles wichtig. Aber jede Person, die mehr als eine Katze über längere Zeit begleitet hat, weiß: Zwei Tiere können unter nahezu identischen Bedingungen aufwachsen – und sich trotzdem fundamental darin unterscheiden, wie viel Nähe sie wollen, wie sozial sie sind, wie belastbar sie auf Interaktion reagieren. Das war nie ein Geheimnis. Es hatte nur keinen genetischen Unterbau.

Jetzt hat es einen.

Plötzlich ist „meine Katze ist halt so“ kein hilfloser Satz mehr, sondern ein sachlich haltbarer. Plötzlich wirkt es weniger sinnvoll, jede mäßig soziale Katze so lange „zu fördern“, bis sie endlich den Erwartungen entspricht. Und plötzlich wird klar, warum manche Trainingsansätze bei einer Katze hervorragend greifen und bei der nächsten zuverlässig scheitern, ohne dass jemand versagt hätte.

Wichtig dabei: Diese Forschung entwertet Umweltfaktoren nicht. Sie relativiert sie auch nicht klein. Sie sagt schlicht: Verhalten entsteht im Zusammenspiel. Biologie, Erfahrung, Kontext. Wer eines davon ignoriert, bekommt zwangsläufig ein schiefes Bild und trifft Entscheidungen, die sich für die Katze selten gut anfühlen.

Und ja, das hat Konsequenzen. Für Haltung. Für Training. Für Beratung. Und vor allem für Erwartungen.

 

Die Individualisten unter den Katzen

Nicht jede Katze möchte viel Interaktion. Nicht jede Katze will Nähe in der gleichen Dosierung. Nicht jede Katze profitiert davon, sozialer gemacht zu werden. Manches, was wir als Zurückhaltung interpretieren, ist keine Angst. Und manches, was wir gern verändern würden, ist schlicht Persönlichkeit.

Wer das ernst nimmt, landet zwangsläufig bei einem anderen Ansatz: weniger Optimierung, mehr Beobachtung. Weniger Druck, mehr Anpassung. Weniger „das müsste doch gehen“, mehr „was braucht diese Katze – mit diesem Nervensystem“.

Und spätestens hier wird es für viele neurodivergente Menschen interessant. Nicht, weil Katze und Mensch sich mystisch „spiegeln“ – das ist mir zu bequem –, sondern weil beide sehr genau wissen, wie es sich anfühlt, wenn die Umwelt permanent davon ausgeht, man müsse eigentlich nur ein bisschen anders sein, dann wäre alles gut.

Diese Studie liefert keinen Freifahrtschein für Beliebigkeit. Sie liefert auch keine Anleitung in fünf Schritten. Aber sie liefert etwas, das in moderner Katzenberatung zentral ist: Rückgrat für Differenzierung.

Katzen sind keine leeren Blätter. Und sie sind keine defekten Versionen eines Idealmodells. Sie sind Individuen mit biologischer Geschichte, mit Grenzen, mit Vorlieben. Das anzuerkennen ist kein Aufgeben. Es ist Professionalität.

Wenn du mit deiner Katze genau an so einem Punkt stehst – irgendwo zwischen „Ich sehe das“ und „Warum versteht das sonst niemand?“ – dann bist du hier nicht falsch. Und deine Katze ziemlich sicher auch nicht.

 

Keine einsame Flaschenpost

Gerade als schwierig wahrgenommene Katzen brauchen Menschen um sich, die verstehen, dass Katze eben wirklich nicht gleich Katze ist. Wenn du der Meinung bist, dass dieser Beitrag anderen Menschen helfen kann, Katzen bewusster und achtsamer wahrzunehmen, teile ihn gern mit deiner Timeline oder in deinen Lieblingsgruppen. Jede informierte Person hilft einer Katze, die mit diesem Wissen möglicherweise ein schöneres, glücklicheres Leben mit ihren Menschen führen kann.

Wenn du beim Lesen gemerkt hast: „Okay, hier wird meine Katze nicht umgebogen. Hier wird sie ernst genommen“, dann bist du hier nicht zufällig gelandet. Falls du Lust hast, herauszufinden, ob und wie ich dich und deine Katze begleiten kann, lernen wir uns gern in einem kostenfreien, unverbindlichen Kennenlerngespräch kennen.

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