Vor ein paar Tagen ging eine Nachricht durch die Medien, bei der ich natürlich sofort hängen geblieben bin: Es gibt eine neue Katzenart. Also gut, „neu“ ist in diesem Zusammenhang ein etwas schwieriges Wort, denn die Katze ist nicht letzte Woche spontan in Bolivien aufgetaucht und hat beschlossen, ab jetzt zu existieren. Ihre evolutionäre Linie ist vermutlich ungefähr 1,4 Millionen Jahre alt. Neu ist, dass sie seit dem 17. September 2026 wissenschaftlich als eigenständige Art beschrieben ist: Leopardus tilcayo.[1]
Das allein ist schon ziemlich faszinierend, denn wir reden hier nicht über irgendeinen winzigen Käfer, der unter genau drei Steinen an einem bislang kaum untersuchten Berghang lebt, sondern über eine Katze. Felidae. Eine Tierfamilie, die Menschen nun wirklich nicht notorisch uninteressant finden und bei der entsprechend viel geforscht, beobachtet, fotografiert und dokumentiert wird. Nach Angaben der Forschenden ist der Tilcayo sogar die erste vollständig neu beschriebene heute lebende Katzenart seit mehr als einem Jahrhundert.[1] Bei anderen „neuen“ Katzenarten der vergangenen Jahrzehnte ging es häufig darum, bereits bekannte Populationen taxonomisch neu zu bewerten oder einen älteren Artnamen wieder anzuerkennen. Hier dagegen bekam eine bislang wissenschaftlich nicht beschriebene evolutionäre Linie erstmals einen eigenen Namen.
Wobei genau das nicht stimmt, denn einen Namen hatte sie nämlich längst. Tilcayo.
Und an diesem Punkt war ich endgültig weg, denn Menschen in den bolivianischen Yungas nennen diese kleine Wildkatze schon lange so. Die Forschenden haben den Namen nicht erfunden, sondern übernommen. In der formalen Artbeschreibung wird ausdrücklich erklärt, dass „Tilcayo“ die lokale Bezeichnung für diese Katze ist; selbst als englischen Trivialnamen schlagen die Autor:innen einfach „Tilcayo“ vor, um die traditionelle Bezeichnung und ihre regionale und kulturelle Bedeutung zu erhalten.[1] Auch die Universidad Mayor de San Andrés in La Paz beschreibt Tilcayo als den Namen, unter dem Communities der Yungas diese kleine Wildkatze traditionell kennen.[6]
Und damit hatte ich ein Problem mit der schönen Schlagzeile von der gerade erst entdeckten Katzenart, denn wie kann ich etwas entdecken, das Menschen längst kennen und für das sie sogar einen Namen haben?
Genau diese Frage ist der Punkt, an dem die Geschichte des Tilcayo für mich noch viel interessanter wird als „Hurra, neue Katze“. Denn natürlich ist die wissenschaftliche Beschreibung eine Entdeckung. Nur eben nicht in dem Sinne, dass vorher niemand wusste, dass dort eine kleine gefleckte Katze herumläuft. Was 2026 entdeckt beziehungsweise nachgewiesen wurde, ist etwas anderes: Dass unter dem Namen Tilcayo eine evolutionär eigenständige Katzenart lebt, die wir wissenschaftlich bislang unter ihren Verwandten einsortiert hatten. Und um zu verstehen, wie das passieren konnte, müssen wir uns diese Verwandten ein bisschen genauer ansehen.
Erst einmal: Was ist ein Tilcayo?
Der Tilcayo lebt, soweit wir es momentan sicher wissen, in den bolivianischen Yungas, also den feuchten Berg- und Nebelwäldern an den östlichen Hängen der Anden. Die Typuslokalität der neuen Art liegt bei Arapata in Nor Yungas im Departamento La Paz auf ungefähr 1.570 Metern Höhe.[1] Er gehört zur südamerikanischen Gattung Leopardus, zu der unter anderem Ozelot, Margay, Geoffroy-Katze, Kodkod und die verschiedenen Tigerkatzen gehören. Und nein, trotz Leopardus haben wir es nicht mit einem winzigen Leoparden zu tun. Taxonomie ist gelegentlich schon kompliziert genug, ohne dass man Gattungsnamen allzu wörtlich nimmt.
Wobei „winzig“ ansonsten durchaus passt. Die bislang wissenschaftlich untersuchten Tiere lagen bei ungefähr 42,5 bis 50,5 Zentimetern Kopf-Rumpf-Länge, dazu kommen etwa 25 bis 26,5 Zentimeter Schwanz. Das Gewicht liegt ungefähr zwischen 1,5 und 2 Kilogramm.[1] Wir reden also über ein ausgewachsenes kleines Raubtier, das weniger wiegen kann als so manche Hauskatze, deren Menschen beim jährlichen Tierarztbesuch gemeinsam mit ihr sehr konzentriert versuchen, die Zahl auf der Waage nicht zu kommentieren.
Und natürlich ist der Tilcayo niedlich. Das erwähne ich ausschließlich der wissenschaftlichen Vollständigkeit halber und nicht, weil ich so ziemlich alle Katzenartigen ziemlich niedlich finde.
Sein Fell ist hellbraun, auf dem Rücken dunkler und mit relativ großen, unregelmäßigen dunkelbraunen bis schwarzen Rosetten gezeichnet. Einige sind offen, andere teilweise geschlossen. Gegenüber verwandten Tigerkatzen unterscheiden sich unter anderem Felllänge, Kontrast und Größe der Zeichnung sowie Form und Behaarung des Schwanzes. Gegenüber Leopardus pardinoides besitzt der Tilcayo beispielsweise kürzeres Fell, eine weniger kontrastreiche Zeichnung, größere und unregelmäßigere offene Rosetten und einen weniger buschigen Schwanz.[1]
Wenn man sich jetzt denkt, dass „etwas andere Flecken und ein etwas anderer Schwanz“ als Grundlage für eine neue Art doch ein bisschen dünn klingt, liegt man damit gar nicht falsch. Nur behauptet das auch niemand. Die äußeren Unterschiede sind ein Puzzleteil, und gerade bei den südamerikanischen Tigerkatzen wäre es ausgesprochen gewagt, sich ausschließlich darauf zu verlassen, denn diese Katzen sehen sich teilweise verdammt ähnlich. Das ist einer der Gründe dafür, dass wir überhaupt erst 2026 hier sitzen und über den Tilcayo reden.
Tigerkatzen und die etwas unordentliche Angelegenheit namens Evolution
Verschiedene kleine gefleckte Katzen Südamerikas wurden lange unter Leopardus tigrinus zusammengefasst. Das war nicht einfach wissenschaftliche Schlamperei. Wenn Tiere ähnlich aussehen, ähnliche Größen haben und man aus vielen Regionen nur wenige Exemplare oder Museumsmaterial kennt, ist es ziemlich naheliegend, sie zunächst derselben Art zuzuordnen. Mit zunehmenden genetischen Daten wurde allerdings immer deutlicher, dass sich unter dem, was äußerlich nach „Tigerkatze“ aussieht, mehrere sehr unterschiedliche evolutionäre Geschichten verstecken.
Tatiane Trigo und ihre Kolleg:innen zeigten bereits 2008, dass verschiedene Arten der Gattung Leopardus in ihrer Vergangenheit genetisches Material ausgetauscht haben.[2] 2013 folgte eine weitere Arbeit von Trigo, Alexsandra Schneider, Tadeu Gomes de Oliveira, Livia Lehugeur, Leandro Silveira, Thales Freitas und Eduardo Eizirik, die unter anderem zeigte, dass nördliche und südliche Populationen, die zuvor gemeinsam als Tigrinas behandelt worden waren, genetisch deutlich voneinander getrennt sind. Daraus folgte die Anerkennung von Leopardus guttulus als eigenständiger Art.[3]
Und spätestens da kann man die sehr beliebte Schulbuchregel, nach der verschiedene Arten sich nicht miteinander fortpflanzen können, schon einmal vorsichtig zur Seite legen. So schön ordentlich ist Biologie leider nicht. Arten können sich evolutionär voneinander trennen und trotzdem später noch einmal Gene austauschen. Hybridisierung und Introgression sind bei Leopardus keine völlig exotischen Ausnahmeerscheinungen, sondern ein Teil der Geschichte dieser Gattung.[2, 3]
2023 untersuchten Jonas Lescroart, Alejandra Bonilla-Sánchez, Constanza Napolitano, Diana Buitrago-Torres, Héctor Ramírez-Chaves, Paola Pulido-Santacruz, William Murphy, Hannes Svardal und Eduardo Eizirik diese ohnehin schon komplizierte Verwandtschaft mit genomweiten Daten noch einmal sehr viel genauer.[4] Dabei zeigte sich eine erhebliche phylogenomische Uneinigkeit: Verschiedene Teile des Genoms ergeben teilweise unterschiedliche Stammbäume. Das klingt zunächst so, als hätte die Genetik beschlossen, überhaupt nicht hilfreich zu sein, ist aber selbst eine wichtige Information. Wenn sich evolutionäre Linien trennen, später wieder miteinander in Kontakt kommen und dabei genetisches Material austauschen, bleibt genau diese Geschichte im Genom zurück.
Der evolutionäre Stammbaum von Leopardus ist also weniger der hübsche Baum aus dem Schulbuch, bei dem sich jeder Ast irgendwann sauber teilt und anschließend gefälligst auf seiner Seite bleibt. Eher ein Baum, bei dem sich die Äste nach der Trennung gelegentlich noch einmal besuchen. Ich würde an dieser Stelle gerne behaupten, dass mich bei Katzen diese gewisse Missachtung sauberer menschlicher Ordnungssysteme überrascht, aber das wäre gelogen.
2024 kam noch eine weitere große Untersuchung hinzu. Tadeu Gomes de Oliveira und ein großes Team vor allem süd- und mittelamerikanischer Forschender kombinierten mehr als 1.400 überprüfte Nachweise von Tigerkatzen mit Morphologie, Fellmerkmalen, Biogeografie und ökologischen Nischenmodellen.[5] Auch diese Arbeit zeigte, dass unter den bisherigen Bezeichnungen mehrere voneinander unterscheidbare Linien stecken und dass die Geschichte der Tigerkatzen wesentlich vielfältiger ist, als es ein einziger Name vermuten lässt.
Der Tilcayo fällt also nicht 2026 aus heiterem Himmel in eine ansonsten seit hundert Jahren abgeschlossene Katzentaxonomie. Er taucht mitten in einer Forschungsgeschichte auf, in der Menschen seit Jahren versuchen herauszufinden, wie viele verschiedene Katzen sich eigentlich unter sehr ähnlichen gefleckten Pelzen verstecken.
Eine Katze, bei der irgendetwas nicht passte
Einer der beiden wissenschaftlich untersuchten Tilcayos lebt heute im Senda Verde Wildlife Sanctuary in den bolivianischen Yungas und heißt Tigrino. Als Jungtier war er von Menschen gefunden und zunächst offenbar für eine ungewöhnliche Hauskatze gehalten worden. Irgendwann wurde allerdings deutlich, dass diese vermeintliche Hauskatze sich nicht besonders überzeugend an die Stellenbeschreibung hielt, und Tigrino kam schließlich nach Senda Verde.[7]
Eine nennenswerte Mitarbeiterin vom Senda Verde Wildlife Sanctuary war die bolivianische Biologin Paola Nogales-Ascarrunz.
Als sie Tigrino sah, fiel ihr auf, dass er ungewöhnlich klein war. Das allein macht natürlich noch keine neue Art. Einzelne Tiere können kleiner sein, Jungtiere sind ohnehin kleiner und bei zwei Kilogramm Katze möchte ich grundsätzlich nicht anfangen, aus jedem Gramm eine taxonomische Revolution zu bauen. Aber auch seine Zeichnung und weitere Merkmale passten nicht sauber zu den bekannten Beschreibungen. Nogales-Ascarrunz begann deshalb genauer hinzusehen und verglich Tigrino mit den damals bekannten Tigerkatzen.[7]
Und ich mag an dieser Stelle sehr, dass die erste Hypothese nicht „Neue Katzenart!“ lautete. Eine wesentlich naheliegendere Möglichkeit war, dass Tigrino zu einer bereits bekannten Tigerkatzenart gehörte, die bislang schlicht noch nicht für Bolivien dokumentiert worden war. Genau so sollte Wissenschaft funktionieren: Wenn etwas nicht zur bisherigen Erklärung passt, schaut man zuerst, ob eine bereits bekannte Erklärung besser passt, bevor man die spektakulärste neue auspackt.
Nogales-Ascarrunz arbeitete deshalb gemeinsam mit dem bolivianischen Säugetierforscher Enzo Aliaga-Rossel weiter an dem Tier. Und hier lohnt es sich, bei der Geschichte ein bisschen genauer hinzusehen, weil die internationale Wissenschaftskommunikation sehr schnell aus langen Forschungswegen den Satz „Ein internationales Forschungsteam entdeckte in Bolivien eine neue Katzenart“ macht. Der Satz ist nicht völlig falsch. Er verschiebt nur ziemlich elegant den Anfang der Geschichte.
Die Universidad Mayor de San Andrés (UMSA) in La Paz beschreibt ausdrücklich, dass die ersten Untersuchungen an dem bolivianischen Tier von Nogales-Ascarrunz und Aliaga-Rossel vorangetrieben wurden. Im Labor für Molekulargenetik der UMSA fanden die ersten DNA-Extraktionen und Tests statt. Anschließend wurde die Zusammenarbeit international erweitert, damit die bolivianischen Daten mit denen anderer kleiner südamerikanischer Katzen verglichen werden konnten.[6]
Das ist für mich nicht deshalb erwähnenswert, weil bolivianische Forschende irgendeinen Sonderbonus bekommen sollten. Es ist erwähnenswert, weil sie diese Arbeit gemacht haben.
Paola Nogales-Ascarrunz arbeitet unter anderem mit Naturschutzgenetik, Genomik und Fotofallen und gründete das Programa de Investigación de Félidos de Bolivia. Enzo Aliaga-Rossel forscht seit Jahrzehnten zu neotropischen Säugetieren und Wildkatzen. Wir haben hier also keine Geschichte, in der Menschen vor Ort eine merkwürdige Katze fanden und anschließend die eigentliche Wissenschaft anderswo begann. Die wissenschaftliche Frage wurde in Bolivien erkannt, dort wurden die ersten genetischen Untersuchungen begonnen und danach kamen weitere Menschen, Daten, Sammlungen und Methoden hinzu, die notwendig waren, um diese Frage wirklich beantworten zu können.[6]
Tigrino ist wichtig, aber er ist nicht der einzige Tilcayo, den wir untersucht haben
Bei Tigrino handelt es sich um den Holotyp von Leopardus tilcayo. Ein Holotyp ist das einzelne Referenzexemplar, an das der wissenschaftliche Name einer neu beschriebenen Art dauerhaft gebunden wird. Das macht Tigrino nicht zum ersten Tilcayo, der jemals existiert hat, was angesichts von ungefähr 1,4 Millionen Jahren Evolutionsgeschichte auch eine erstaunliche Behauptung wäre, sondern zum Referenzindividuum der wissenschaftlichen Beschreibung.[1]
Wichtig ist mir dabei eine Unterscheidung, die in der aktuellen Berichterstattung teilweise schon verlorengeht: Tigrino ist nicht der einzige Tilcayo, von dem wissenschaftliches Material untersucht wurde. Es gibt ein zweites genetisch bestätigtes Tier, ein Weibchen aus den Yungas, das beprobt und anschließend wieder freigelassen wurde.[1, 8] Damit kennen wir nicht plötzlich eine Population, und wir wissen natürlich auch nicht, ob dieses Weibchen heute noch lebt. Wir haben aber mehr als einen genetisch bestätigten Tilcayo.
Das ist insofern wichtig, weil aus „der einzige bekannte Tilcayo in menschlicher Obhut“ sehr schnell „der einzige bekannte Tilcayo der Welt“ wird, und zwischen diesen beiden Aussagen liegt irgendwo ein kompletter Nebelwald voller Katzen, von denen wir schlicht noch nicht wissen, ob und wo sie dort herumlaufen.
Trotzdem bleibt die Stichprobe winzig. Zwei direkt wissenschaftlich untersuchte Tiere sind zwei Tiere. Das ist ausreichend, um gemeinsam mit umfangreichem Vergleichsmaterial sehr interessante genetische Fragen zu beantworten. Es ist nicht ausreichend, um so zu tun, als hätten wir damit die Variationsbreite, Lebensweise oder Populationsstruktur einer ganzen Art verstanden. Dazu kommen Fotofallenaufnahmen, und Nogales-Ascarrunz arbeitet weiter daran, Tilcayos in freier Wildbahn zu dokumentieren.[6]
Eigentlich ist genau das einer der faszinierendsten Aspekte dieser Geschichte: Wir begegnen dieser Katze nicht erst in einem Lehrbuch, nachdem drei Generationen von Forschenden bereits Körpergröße, Ernährung, Fortpflanzung, Streifgebiete, Aktivitätszeiten und Lebenserwartung zusammengetragen haben. Wir sind ziemlich nah an dem Zeitpunkt, an dem dieses Wissen überhaupt erst entsteht.
Was die Genome aus der merkwürdigen Katze gemacht haben
Während Nogales-Ascarrunz und Aliaga-Rossel in Bolivien an Tigrino und der Frage arbeiteten, was für eine Katze er eigentlich ist, lief international bereits die Forschung an der komplizierten Verwandtschaft der Tigerkatzen. Irgendwann kamen diese Forschungswege zusammen.
Für die 2026 in Current Biology veröffentlichte Studie analysierten Jonas Lescroart, Paola Nogales-Ascarrunz, Molly Cassatt-Johnstone, Alejandra Bonilla-Sánchez, Caroline Charão Sartor, Fernando Angulo, Jorge L. Ramirez, Larissa Rosa de Oliveira, Tadeu Gomes de Oliveira, Beth Shapiro, Enzo Aliaga-Rossel, Hannes Svardal und Eduardo Eizirik Genomdaten aus der Gattung Leopardus. Der Datensatz umfasste 38 Individuen, darunter 26 aus dem Tigerkatzen-Komplex; acht Genome wurden aus historischem Museumsmaterial gewonnen.[1]
Das Ergebnis war nicht nur, dass Tigrino irgendwie anders ist. Die gesamte Ordnung innerhalb der Tigerkatzen musste noch einmal neu betrachtet werden. Nach der neuen Analyse unterscheiden die Forschenden fünf Arten: Leopardus tigrinus, Leopardus guttulus, Leopardus emiliae, Leopardus pardinoides und Leopardus tilcayo. Zusätzlich beschreiben sie aus den peruanischen Yungas mit Leopardus tigrinus antisuyo eine neue Unterart.[1]
Beim Tilcayo legen die Genomdaten nahe, dass sich seine evolutionäre Linie vor ungefähr 1,4 Millionen Jahren von verwandten Linien getrennt hat.[1] Das ist natürlich kein exaktes Datum, an dem zwei Katzenpopulationen an einem Dienstag beschlossen haben, künftig getrennte Wege zu gehen. Solche Zeitangaben werden aus genetischen Daten und evolutionären Modellen geschätzt und besitzen entsprechende Unsicherheitsbereiche. Sie zeigen aber sehr deutlich, dass wir nicht über eine Population reden, die seit ein paar tausend Jahren zufällig etwas größere Flecken trägt.
Noch eindrucksvoller wirken zunächst die Zahlen aus der molekularen Diagnose. Unter knapp 29,3 Millionen untersuchten Transversionsvarianten im nukleären Genom unterscheiden im Mittel ungefähr 1,39 Millionen Positionen den Tilcayo von L. tigrinus antisuyo und ungefähr 1,49 Millionen von L. pardinoides.[1] Bevor daraus irgendwo „Tilcayo besitzt 1,5 Millionen neue Gene“ wird: Nein. Gemeint sind unterschiedliche Positionen innerhalb des untersuchten Variantensatzes, nicht 1,5 Millionen zusätzliche Gene. Die Zahlen muss sich auch niemand merken. Interessant ist die Größenordnung und vor allem die Tatsache, dass unter äußerlich ziemlich ähnlichen gefleckten Katzen genetisch klar unterscheidbare evolutionäre Linien liegen.
Genau deshalb reicht bei solchen Tieren weder „sieht anders aus“ noch „DNA sagt neue Art“. Die Artbeschreibung ergibt sich aus mehreren Dingen, die zusammenpassen müssen: genomischen Daten, phylogenetischer Position, Morphologie und der Frage, ob wir es mit einer eigenständigen evolutionären Linie zu tun haben. Dass Leopardus zusätzlich eine Geschichte von Hybridisierung und Genfluss mitbringt, macht diese Einordnung komplizierter, aber nicht beliebig.[1, 2, 3, 4]
Ich finde das gerade beim Tilcayo wichtig, weil „neue Art durch DNA entdeckt“ zwar eine schöne kurze Überschrift ergibt, aber eigentlich unterschlägt, wie viel interessanter die Forschung dahinter ist. Ein Sequenziergerät spuckt am Ende keinen Zettel aus, auf dem „Herzlichen Glückwunsch, neue Katze“ steht.
Warum tote Katzen plötzlich ziemlich wichtig werden
Zu den 38 untersuchten Individuen gehörten auch historische Museumsexemplare, und damit kommen wir zu einem Teil der Studie, den ich viel zu spannend finde, um ihn unter „Methoden“ verschwinden zu lassen: Museomik.
Naturkundliche Sammlungen sind eben nicht einfach Lagerhallen voller toter Tiere, die irgendwann einmal jemand eingesammelt hat und die jetzt aus historischen Gründen nicht weggeworfen werden. Ein Tier, das vor 50, 80 oder 120 Jahren gesammelt wurde, ist biologisches Material aus einer bestimmten Population, an einem bestimmten Ort und zu einem bestimmten Zeitpunkt. Die Menschen, die es damals konservierten, konnten keine vollständigen Genome sequenzieren, weil die dafür notwendige Technik schlicht nicht existierte. Sie konnten aber etwas tun, was wir heute nicht nachholen können: dieses Tier aus genau dieser Zeit erhalten.
Für die Tigerkatzen war das besonders wertvoll, weil man natürlich nicht nur wissen muss, wie der Tilcayo genetisch aussieht. Wenn ich behaupten möchte, dass er nicht Leopardus tigrinus oder eine andere bereits beschriebene Tigerkatze ist, brauche ich vernünftiges Vergleichsmaterial für diese Katzen. Gerade aus dem Guayana-Schild, der für die taxonomische Geschichte von L. tigrinus wichtig ist, sind heutige Proben nicht beliebig verfügbar.[1]
Also kann plötzlich ein Schädel, der seit Jahrzehnten in einer Sammlung liegt, eine Frage beantworten, die zu Lebzeiten des Tieres niemand hätte stellen können. Aus dichtem Knochenmaterial, Zähnen, Haut oder anderem erhaltenen Gewebe lässt sich unter geeigneten Bedingungen noch alte DNA gewinnen. Besonders das Felsenbein im Bereich des Innenohrs ist für solche Arbeiten interessant, weil seine hohe Dichte DNA vergleichsweise gut schützen kann.
Und genau da komme ich an einen Punkt, an dem ich Museumssammlungen vermutlich nie wieder einfach als Sammlung alter Präparate betrachten kann. Irgendjemand konserviert heute etwas, ohne wissen zu können, welche Methode in fünfzig Jahren existieren wird und welche Frage ein Mensch damit stellen möchte. Das ist nicht nur Vergangenheit im Regal, sondern möglicherweise Material für Forschung, die wir noch gar nicht erfinden konnten.
Dass mindestens ein historisches Exemplar ursprünglich als Margay bestimmt worden war und sich bei erneuter Untersuchung als Tigerkatze herausstellte, passt ziemlich gut in die gesamte Geschichte.[1, 7] Unter anderem half die Richtung der Haare im Nacken bei der Neubestimmung. Der Margay selbst hatte übrigens keinerlei falsche Angaben gemacht; die Beschriftung der Sammlung war eine rein menschliche Angelegenheit. Aber genau solche Fälle zeigen, warum diese Katzen taxonomisch so schwierig sind. Wenn selbst erhaltene Exemplare bei rein äußerlicher Betrachtung falsch zugeordnet werden können, ist es plötzlich überhaupt nicht mehr erstaunlich, dass eine lebende kleine Tigerkatze in Bolivien lange unter einem anderen Namen geführt wurde.
Und was macht ein Tilcayo nun eigentlich den ganzen Tag?
Hier könnte ich jetzt einen wunderschönen Tiersteckbrief schreiben. Nachtaktiv, Einzelgänger, kleine Nagetiere, Nebelwald, fertig. Das Problem ist nur, dass wir dafür erstaunlich wenig wissen.
Es wurden in Kotproben Überreste kleiner Nagetiere gefunden, und Fotofallen liefern erste Hinweise auf nächtliche Aktivität. Das sind interessante Beobachtungen. Sie sind nur noch keine vollständige Beschreibung der Lebensweise einer Art. Wir wissen nicht zuverlässig, wie groß Tilcayo-Reviere sind, wie stark sich die Streifgebiete von Männchen und Weibchen überschneiden, ob Aktivitätszeiten saisonal schwanken, wie die Tiere jagen, wie sie kommunizieren, wann sie sich paaren, wie lange die Jungen bei der Mutter bleiben oder ob bestimmte Lebensräume innerhalb der Yungas besonders wichtig sind.
Selbst das tatsächliche Verbreitungsgebiet ist noch unklar. Wissenschaftlich bestätigt ist der Tilcayo bislang aus Bolivien.[6] Das bedeutet nicht automatisch, dass er ausschließlich innerhalb der bolivianischen Staatsgrenzen vorkommt. Ich bezweifle sehr, dass eine 1,5-Kilo-Wildkatze beim Herumlaufen besonderen Wert auf politische Kartografie legt. Es bedeutet schlicht, dass wir ihn anderswo bislang nicht sicher nachgewiesen haben.
Und selbst bei seinem Aussehen müssen wir im Hinterkopf behalten, wie absurd klein unsere Stichprobe ist. Zwei genetisch bestätigte Tiere können Merkmale zeigen, die sie von den untersuchten Verwandten unterscheiden. Was zwei Tiere nicht zeigen können, ist die gesamte natürliche Variationsbreite einer Art. Vielleicht gibt es wesentlich dunklere Tilcayos, vielleicht größere, vielleicht kleinere. Vielleicht unterscheiden sich Tiere aus verschiedenen Teilen der Yungas in ihrer Zeichnung. Vielleicht werden Merkmale, die momentan sehr typisch wirken, mit fünfzig untersuchten Tieren plötzlich deutlich variabler.
Das macht die Artbeschreibung nicht schwächer. Es beschreibt nur ziemlich ehrlich den Punkt, an dem wir gerade stehen.
Die Menschen in den Yungas waren damit ein bisschen früher dran
Und damit komme ich zurück zu dem Namen, der mich überhaupt in dieses Rabbithole geschickt hat.
Die Universidad Mayor de San Andrés schreibt ausdrücklich, dass Tilcayo die traditionelle Bezeichnung ist, unter der Communities der Yungas diese kleine Wildkatze kennen. Nogales-Ascarrunz erklärt dort, dass das Forschungsteam den Namen bewusst erhalten wollte, um das lokale Wissen um das Tier anzuerkennen.[6] Die formale Artbeschreibung macht dasselbe und schlägt Tilcayo auch als englischen Trivialnamen vor.[1]
Ich finde das schön, aber ich möchte daraus gleichzeitig keine romantische Geschichte machen, für die wir keine Belege haben. Wir wissen nicht zuverlässig, aus welcher Sprache das Wort ursprünglich stammt, wie alt es ist oder welche genaue Bedeutung es einmal hatte. Nogales-Ascarrunz hat in Interviews erzählt, dass Menschen vor Ort auf Nachfragen nach der Bedeutung sinngemäß geantwortet hätten, sie wüssten es nicht; schon ihre Großväter hätten diese Katze so genannt.[7] Das ist eine wunderbare Überlieferung, aber eben eine berichtete Überlieferung und keine sprachwissenschaftliche oder ethnobiologische Untersuchung. Daraus jetzt eine jahrhundertealte indigene Taxonomie zu konstruieren wäre genauso falsch wie die Behauptung, die Katze sei den Menschen dort bis 2026 unbekannt gewesen.
Wir können einfach bei dem bleiben, was wir tatsächlich wissen, denn das ist interessant genug: Menschen in den Yungas kannten diese kleine gefleckte Katze und hatten einen Namen für sie, während die wissenschaftliche Taxonomie noch nicht erkannt hatte, dass unter diesem Namen eine eigenständige evolutionäre Linie steckt.
Das eine Wissen macht das andere nicht überflüssig. Ein lokaler Name ersetzt keine Genomanalyse, und eine Genomanalyse macht lokales Wissen nicht erst im Nachhinein wertvoll. Es sind unterschiedliche Fragen. „Welche Tiere leben hier?“ ist nicht dieselbe Frage wie „Wie ist diese Population phylogenetisch gegenüber allen anderen bekannten Tigerkatzen Südamerikas einzuordnen?“
Eigentlich ist genau dieses Zusammentreffen verschiedener Arten von Wissen einer der schönsten Teile der Geschichte. Menschen in der Region wussten, dass die Katze da ist. Eine bolivianische Biologin bemerkte, dass sie nicht richtig zu den vorhandenen wissenschaftlichen Beschreibungen passt. Bolivianische Forschende begannen mit genetischen Untersuchungen. Andere Forschende brachten Vergleichsdaten, phylogenomische Methoden und jahrzehntelange Arbeit an Leopardus ein. Museumssammlungen lieferten historische Tiere aus Regionen und Zeiten, die heute nicht einfach noch einmal beprobt werden können. Erst zusammen ergibt das die Geschichte, die wir jetzt erzählen können.
Wer hat den Tilcayo eigentlich entdeckt?
Wenn damit gemeint ist, wer als erster Mensch einen Tilcayo gesehen hat, wissen wir es nicht, und die Antwort dürfte sehr weit vor 2026 liegen. Wenn damit gemeint ist, wer bemerkt hat, dass Tigrino wissenschaftlich nicht sauber in die vorhandenen Arten passt, wird Paola Nogales-Ascarrunz zentral. Wenn es um die ersten Untersuchungen und genetischen Arbeiten in Bolivien geht, gehören Nogales-Ascarrunz und Enzo Aliaga-Rossel in die Geschichte.[6] Wenn wir danach fragen, wer mit den umfassenden Genomvergleichen zeigen konnte, dass es sich tatsächlich um eine eigenständige evolutionäre Linie handelt, brauchen wir das internationale Forschungsteam. Und wenn wir fragen, wer über Jahrzehnte überhaupt erst die Vergleichsdaten und taxonomische Grundlage geschaffen hat, landen wir bei noch mehr Menschen.
Vielleicht ist die sinnvollere Frage deshalb nicht, wer den Tilcayo entdeckt hat, sondern wie wir herausgefunden haben, was der Tilcayo ist.
Die aktuelle Studie trägt die Namen von Jonas Lescroart, Paola Nogales-Ascarrunz, Molly Cassatt-Johnstone, Alejandra Bonilla-Sánchez, Caroline Charão Sartor, Fernando Angulo, Jorge L. Ramirez, Larissa Rosa de Oliveira, Tadeu Gomes de Oliveira, Beth Shapiro, Enzo Aliaga-Rossel, Hannes Svardal und Eduardo Eizirik.[1] Hinter diesen Namen stehen unterschiedliche Teile einer Forschung, die zusammengeführt werden mussten.
Mir ist dabei wichtig, dass insbesondere die Frauen nicht irgendwann hinter „das Forschungsteam“ verschwinden, während ausgerechnet diejenigen Personen namentlich übrig bleiben, die ohnehin bereits eine große wissenschaftliche Reputation besitzen. Paola Nogales-Ascarrunz steht sehr konkret am Anfang der wissenschaftlichen Tilcayo-Geschichte und hat gemeinsam mit Enzo Aliaga-Rossel die ersten Untersuchungen in Bolivien vorangetrieben.[6] Alejandra Bonilla-Sánchez arbeitete bereits vor der aktuellen Veröffentlichung an der Phylogenomik von Leopardus und an der großen Tigerkatzenanalyse von 2024 mit.[4, 5] Molly Cassatt-Johnstone, Caroline Charão Sartor, Larissa Rosa de Oliveira und Beth Shapiro gehören ebenfalls zum Autor:innenteam der aktuellen genomischen Untersuchung.[1]
Umgekehrt ergibt es natürlich keinen Sinn, nun männliche Kollegen verschwinden zu lassen, damit die Anerkennung irgendwie mathematisch gerecht aussieht. Jonas Lescroart arbeitete bereits an der phylogenomischen Rekonstruktion von Leopardus, Tadeu Gomes de Oliveira gehört seit Jahren zu den zentralen Forschenden an südamerikanischen Tigerkatzen, Eduardo Eizirik forscht seit Jahrzehnten an der Evolution und Genetik neotropischer Katzen und Enzo Aliaga-Rossel gehört eben nicht nur zufällig zu den bolivianischen Namen auf einer internationalen Autor:innenliste.[1, 4, 5, 6]
Die formale Artbeschreibung trägt schließlich vier Namen: Leopardus tilcayo Nogales-Ascarrunz, Aliaga-Rossel, Lescroart & Eizirik.[1]
Eine neue Art zu kennen heißt leider noch nicht zu wissen, ob sie sicher ist
Taxonomie wirkt auf den ersten Blick gerne wie eine Beschäftigung für Menschen, die ausgesprochen viel Freude daran haben, lateinische Namen zu sortieren und darüber zu diskutieren, ob irgendwo Art, Unterart oder Population auf einem Schild stehen sollte. Beim Tilcayo sieht man ziemlich schnell, warum diese Sortierarbeit für den Artenschutz sehr reale Folgen haben kann.
Wenn mehrere unterschiedliche Arten unter einem einzigen Namen zusammengefasst werden, entsteht auf einer Verbreitungskarte möglicherweise eine riesige Fläche. Da gibt es Tigerkatzen, dort gibt es Tigerkatzen, ein paar tausend Kilometer weiter gibt es auch Tigerkatzen, also scheint die Art zunächst einmal ziemlich weit verbreitet zu sein. Wenn sich anschließend herausstellt, dass diese Punkte auf der Karte zu mehreren evolutionär eigenständigen Arten gehören, kann aus einem vermeintlich riesigen Verbreitungsgebiet plötzlich eine Reihe wesentlich kleinerer Gebiete werden. Und damit kann eine Katze, die vorher als Teil einer weit verbreiteten Art erschien, auf einmal eine Art mit sehr begrenztem Lebensraum sein.
Die Untersuchung von Tadeu Gomes de Oliveira und seinen Kolleg:innen aus dem Jahr 2024 modellierte für die dort untersuchten Tigerkatzenlinien erhebliche Reduktionen geeigneter beziehungsweise historisch verfügbarer Lebensräume, je nach untersuchter Linie ungefähr 50 bis 68 Prozent.[5] Das sind ausdrücklich keine Zahlen für den Tilcayo, und ich schreibe das lieber sehr deutlich dazu, bevor in ein paar Monaten irgendwo steht, Leopardus tilcayo habe bereits 68 Prozent seines Lebensraums verloren. Die Art war in dieser Form damals noch gar nicht beschrieben.
Für den Tilcayo lautet die wissenschaftlich vernünftige Antwort auf die Frage „Wie gefährdet ist er?“ momentan schlicht: Wir wissen es noch nicht ausreichend.
Wir wissen nicht, wie groß seine Population ist, weil wir die Population noch gar nicht kennen. Wir wissen nicht genau, wie weit er verbreitet ist. Wir wissen noch nicht, welche Habitatstrukturen besonders wichtig sind oder wie gut er mit Veränderungen seines Lebensraums umgehen kann. Die UMSA nennt deshalb als nächste Forschungsziele genau diese grundlegenden Fragen: Verbreitung, Zahl der Tiere, Fortpflanzung und Habitatansprüche.[6]
Aliaga-Rossel nennt für kleine Wildkatzen der Region unter anderem Lebensraumverlust, Tötungen nach Angriffen auf Geflügel und das Einfangen von Tieren zur privaten Haltung als Gefahren, die bei der weiteren Untersuchung des Tilcayo berücksichtigt werden müssen.[6] Die Yungas selbst stehen außerdem durch Entwaldung, Landwirtschaft, Brände und Bergbau unter Druck. Trotzdem wäre es falsch, daraus jetzt einen dramatischen Absatz zu bauen, in dem der Tilcayo praktisch schon mit einem Fuß im Aussterben steht. Wir wissen schlicht noch nicht, wie stark jede dieser Bedrohungen diese konkrete Art trifft.
Und genau dafür war die taxonomische Arbeit notwendig. Solange wir nicht wussten, dass der Tilcayo eine eigene Art ist, konnten wir auch nicht gezielt untersuchen, wie es Tilcayos geht.
Eine Katze, die längst da war
Je länger ich über diese Geschichte gelesen habe, desto weniger finde ich eigentlich die Tatsache erstaunlich, dass wir 2026 noch eine neue Katzenart wissenschaftlich beschreiben können. Natürlich ist das spektakulär. Aber viel interessanter finde ich inzwischen den Weg dorthin.
Wir können vollständige Genome sequenzieren und aus jahrzehntealtem Museumsmaterial DNA gewinnen. Wir können Millionen genetischer Varianten vergleichen und daraus Evolutionsgeschichten rekonstruieren, die mehr als eine Million Jahre zurückreichen. Gleichzeitig beginnt die konkrete Geschichte dieser Art damit, dass Menschen in den Yungas eine kleine Wildkatze kennen, für die sie längst ein Wort haben, und eine bolivianische Biologin irgendwann genauer hinsieht, weil ein einzelnes Tier nicht richtig zu dem passt, was in den wissenschaftlichen Beschreibungen steht.
Ohne Menschen, die Tiere und Region kennen, fehlt Wissen. Ohne Feldforschung fehlen Tiere, Beobachtungen und Proben. Ohne lokale wissenschaftliche Infrastruktur hätte die genetische Untersuchung nicht dort begonnen, wo die Frage entstand. Ohne jahrzehntelange Forschung an anderen Tigerkatzen fehlt der Vergleich. Ohne Museumssammlungen fehlen historische Referenzen. Ohne moderne Genomik bleiben manche Unterschiede unter sehr ähnlichem Fell verborgen.
Wir hätten diese Art nach einem Menschen benennen können. Nach einem Ort. Nach einem auffälligen Merkmal. Man hätte irgendeine neue lateinische Konstruktion finden können und anschließend in der Etymologie erklärt, was sie bedeutet.
Stattdessen heißt sie Leopardus tilcayo. Tilcayo, weil die Menschen vor Ort diese Katze bereits Tilcayo nennen.
Und jetzt, nachdem wir endlich wissen, dass hinter diesem Namen eine eigene evolutionäre Linie steckt, beginnt eigentlich der spannendere Teil. Wir müssen herausfinden, wo Tilcayos wirklich leben, wie viele es gibt, wie sie jagen, wie groß ihre Streifgebiete sind, wann sie aktiv sind, wie sie miteinander kommunizieren, wie sie ihre Jungen aufziehen, welche Lebensräume sie brauchen und wie unterschiedlich sie überhaupt aussehen können. Vielleicht werden wir in fünf oder zehn Jahren einzelne Dinge aus diesem Artikel korrigieren müssen, weil inzwischen fünfzig statt zwei Tiere untersucht wurden. Vielleicht tauchen Populationen in Regionen auf, in denen wir sie heute nicht erwarten. Vielleicht stellt sich heraus, dass irgendeine Annahme über ihre Lebensweise vollkommen danebenlag. Das würde nämlich bedeuten, dass weiter und sehr genau hingesehen wurde, dass neue Tiere dokumentiert wurden und dass aus der Beschreibung einer Art langsam Wissen über ein Lebewesen geworden ist.
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Quellen
[1] Lescroart, Jonas; Nogales-Ascarrunz, Paola; Cassatt-Johnstone, Molly et al. (2026): Phylogenomics and museomics reveal five distinct species of tiger cats in South America. Current Biology 36. DOI: 10.1016/j.cub.2026.08.059.
[2] Trigo, Tatiane C.; Freitas, Thales R. O.; Kunzler, G. et al. (2008): Inter-species hybridization among Neotropical cats of the genus Leopardus, and evidence for an introgressive hybrid zone between L. geoffroyi and L. tigrinus in southern Brazil. Molecular Ecology 17(19), 4317–4333. DOI: 10.1111/j.1365-294X.2008.03919.x.
[3] Trigo, Tatiane C.; Schneider, Alexsandra; de Oliveira, Tadeu G. et al. (2013): Molecular data reveal complex hybridization and a cryptic species of Neotropical wild cat. Current Biology 23(24), 2528–2533. DOI: 10.1016/j.cub.2013.10.046.
[4] Lescroart, Jonas; Bonilla-Sánchez, Alejandra; Napolitano, Constanza et al. (2023): Extensive Phylogenomic Discordance and the Complex Evolutionary History of the Neotropical Cat Genus Leopardus. Molecular Biology and Evolution 40(12), msad255. DOI: 10.1093/molbev/msad255.
[5] de Oliveira, Tadeu G. et al. (2024): Ecological modeling, biogeography, and phenotypic analyses setting the tiger cats’ hyperdimensional niches reveal a new species. Scientific Reports 14, 2395. DOI: 10.1038/s41598-024-52379-8.
[6] Universidad Mayor de San Andrés (18. September 2026): Tilcayo, el pequeño felino de los Yungas que sorprende al mundo de la mano de dos investigadores de la UMSA.
[7] Bittel, Jason (17. September 2026): Meet the First New Cat Species Discovered in 100 Years. National Geographic. Interview- und Hintergrundquelle zu Tigrino sowie zur überlieferten Verwendung des Namens „Tilcayo“.
[8] ERBOL (17. September 2026): Leopardus tilcayo: Bolivia le da al mundo una nueva especie de gato silvestre, la primera en más de 100 años. Ergänzende bolivianische Quelle zum zweiten genetisch untersuchten Tier und dessen Beprobung und Freilassung.
Bildnachweise: Alle Fotografien von Tigrino (Leopardus tilcayo) in diesem Artikel: Alessandro Verniani / Wikimedia Commons, lizenziert unter CC BY-SA 4.0. Die einzelnen Originaldateien sind in der Wikimedia-Commons-Kategorie „Tigrino (tilcayo)“ abrufbar. Tigrino (tilcayo) – Wikimedia Commons · CC BY-SA 4.0