
Über Landschaft, Geduld und die leise Rückkehr der Wildkatze in Brandenburg
Ich komme ursprünglich aus der Lausitz, ein Gebiet, welches hauptsächlich den Norden Sachsens und den Süden Brandenburgs bis hin zum Spreewald umfasst.
Dort gibt es ein Sprichwort, das die Landschaft sehr nüchtern beschreibt: Man sagt, die Lausitz sei das Land der drei Meere – Waldmeer, Sandmeer, nichts mehr.
Das ist nicht einfach nur ein Sprichwort. Dieser Satz beschreibt eine Region mit trockenen Böden, dünner Humusschicht und viel Weite.
Viele Menschen empfinden solche Gegenden als leer oder langweilig. Als Räume, in denen wenig passiert.
Und vielleicht ist genau das der Grund, warum mich der genetisch bestätigte Nachweis einer Europäischen Wildkatze (Felis silvestris) im nordwestlichen Brandenburg gerade so beschäftigt.
Landschaften, die sich ähneln, ohne identisch zu sein
Geografisch ist das Gebiet, in dem die Wildkatze nachgewiesen wurde, keine Lausitz. Die bekannten Nachweise liegen nördlich von Berlin, in Regionen, die selten im Fokus stehen: weitläufig, ruhig, dünn besiedelt. Gegenden, die man eher mit dem Satz beschreibt, dass Fuchs und Hase sich gute Nacht sagen, als mit Naturromantik.
Als ich davon gelesen habe, war mir die Landschaft, der Region, um die es geht, dennoch sofort vertraut, denn die Struktur ist sehr ähnlich: trockene Böden, wenig Humus, wenig Ablenkung, viel Raum. Landschaften, die lange als „abgehängt“ galten und genau deshalb kaum Beachtung fanden.
Ein Nachweis ohne Eingriff
Was mich zusätzlich begeistert, ist die Art und Weise, wie dieser Nachweis erbracht wurde.
Es wurde kein Tier gefangen, nicht markiert, nicht manipuliert. Stattdessen kam eine Methode zum Einsatz, die ich fachlich wie ethisch überzeugend finde.
In vier Bereichen – Rühstädt, Elsbruch–Krötenluch, Jackel und Karthan – wurden insgesamt fünf sogenannte Lockstäbe aufgestellt. Diese Stäbe sind mit Baldrianessenz präpariert, einem Duftstoff, auf den Katzen stark reagieren. Beim Reiben bleiben Haare hängen, die anschließend genetisch untersucht werden können.
Das Ergebnis war eindeutig: Eine europäische Wildkatze – ein weibliches Tier.
Forschung, die beobachtet, ohne einzugreifen mit einer Dokumentation, die das Tier nicht belastet. So stelle ich mir zeitgemäßen Naturschutz vor.
Warum ein weibliches Tier eine besondere Aussage hat
Dass es sich um ein weibliches Tier handelt, ist kein nebensächliches Detail.
Weibliche Wildkatzen sind standorttreuer als Kater. Ihre Streifgebiete sind kleiner, ihre Bindung an einen Lebensraum stärker. Das erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass das Gebiet nicht nur durchquert, sondern tatsächlich genutzt wird.
Für den Artenschutz ist das relevant, weil nur dort, wo Weibchen leben, langfristig auch eine reproduktionsfähige Population entstehen kann. Der Nachweis erzählt also nicht nur von Anwesenheit, sondern von möglicher Etablierung.
Beteiligung statt Beobachtung von außen
Bemerkenswert ist auch, dass die Bevölkerung aktiv einbezogen wird.
Sichtungen können beim BUND gemeldet werden, um das Monitoring zu unterstützen und Schutzmaßnahmen weiterzuentwickeln. Das heißt nicht, dass Menschen nun auf Wildkatzensuche gehen sollen. Im Gegenteil.
Die Tiere leben extrem zurückgezogen, bevorzugen naturnahe, störungsarme Wälder – etwa im Wildnisgebiet Jüterbog. Begegnungen sind selten, und das ist auch gut so. Die Unterscheidung zu Hauskatzen ist schwierig. Wildkatzen haben oft dichteres Fell, klar abgegrenzte Streifen und einen buschigen Schwanz mit stumpfer Spitze. Doch all das bleibt unscharf. Erst die Genetik schafft Gewissheit.
Gerade deshalb ist dieses Monitoring so wichtig – und so klug aufgebaut.
Warum diese Landschaften tragen können
Auf den ersten Blick wirkt es widersprüchlich, dass eine Wildkatze ausgerechnet hier auftaucht.
Doch die Europäische Wildkatze braucht keine üppige Wildnis. Sie braucht Ruhe, Deckung, Beute und zusammenhängende Strukturen. Sandige Böden, lichte Wälder, Übergangsräume – all das kann funktionieren, wenn die Landschaft nicht permanent gestört wird.
Der Nachweis zeigt nicht, dass diese Region plötzlich „reich“ geworden ist.
Er zeigt, dass selbst karge, unterschätzte Räume ökologisch tragfähig sein können, wenn man ihnen Zeit lässt.
Ein leiser Erfolg
Die Wildkatze ist ein Lebewesen, das sich dort aufhält, wo Bedingungen offenbar wieder stimmen.
Für mich ist das gerade eine ganz wunderbare Nachricht. Vor allem deswegen, weil diese Nachricht zeigt, dass Geduld, Zurückhaltung und gute Konzepte funktionieren. Dass Naturschutz oft wenig glamourös oder spektakulär nach außen hin scheint, aber dennoch im Stillen viel Gutes bewirken kann.
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